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Sep 11 2009

Der Bearded Collie und die verzwickte Statistik

Statistiken lügen ja bekanntlich nicht – gut, man kann Statistiken natürlich so aufbereiten, dass sie optisch gut aussehen und damit oberflächlich betrachtet was anderes “aussagen”, als das verwendete Datenmaterial hergibt. Man kann Statistiken natürlich auch argumentativ so interpretieren, dass sie dem subjektiv herbeigesehnten Ergebnis nahekommen. Das kann zwar populistischerweise sehr erfolgreich sein, allerdings sollte man immer bedenken, dass einfach nicht immer einfach einfach ist – und schon gar nicht richtig.

Unter www.beardie-special.de/modehund/modehund_k/Text.htm wird eine Statistik zur Entwicklung der Beardie-Welpen von 1996 (1023 Welpen) bis 2008 (726 Welpen) herangezogen, die als Grundlage dazu herhalten muss, das Argument zu untermauern, dass der “Mode-Beardie” von Welpenkäuferseite nicht mehr gewünscht sei und somit eine Art “stiller Protest” gegen den Beardie “vom neuen Typ” dafür sorge, dass die Nachfrage nach diesem “degenerierten Beardie-Zweig” spürbar abflaue, was dazu führe, dass weniger Beardies gezüchtet würden.

Anhand der 10-Jahres-Statistik des VDH von 1999 bis 2008 kann man sich einen guten Überblick über die Welpenzahlen aller Rassen machen. Natürlich gibt es von Jahr zu Jahr Schwankungen, eine Tendenz bleibt jedoch festzuhalten: es gibt heute weniger Beardie-Welpen als 1999, auch in diesem Jahr dürfte sich die Zahl zwischen 700 und 800 einpendeln.

Man kann es sich nun natürlich ganz leicht machen und einfach behaupten: klar, ist so, denn potenzielle Welpenkäufer möchten keine Bearded-Collie -”Fellmonster”, daher weniger Nachfrage und wo weniger Nachfrage ist, sinkt auch das Angebot. Oder könnte es nicht vielleicht eher daran liegen, dass es verschiedene Ursachen gibt, die zusammenwirken? Eins vorweg: es gibt natürlich keine Metazahlen, Umfragen, Statistiken, repräsentative Untersuchungen, etc., die nach Gründen für den Rückgang fragen. Sich daher auf einen einzigen Grund zu versteifen, bloß weil er einem gerade in den Kram passt und man dies anhand von Zahlen “objektiv belegen kann”, macht daher relativ wenig Sinn. Genausogut könnte man behaupten, der Niedergang der Textilindustrie in Deutschland war die Folge mangelnder Qualität oder BETA 2000 hatte keine Chance, weil das VHS-System deutlich besser war. Nein: die Thematik ist natürlich viel komplexer, das oben verwendete Argument kann man demnach dann getrost in die Tonne klopfen, wenn es als Hauptargument dienen soll – was nicht heißt, dass es als untergeordneter Teilaspekt eine nicht quantifizierbare Aussage zu einer Erklärung mit beitragen kann.

Folgender Vergleich ist sehr interessant und aufschlussreich:

- Vergleicht man die Zahlen von 1999 und 2008, ging die Anzahl der Bearded Collie Welpen um 13,6% zurück.
- Vergleicht man die Zahlen von 1999 und 2008, ging die Anzahl der Welpen aller Rassehunde um 9,6% zurück.

Nun hat man wegen der jährlichen Schwankungen jedoch ein Mess-Problem: es kann durchaus sein, dass das Jahr 2008 ein “Tiefpunkt”-Jahr war, 2009 wie 2007 aber ein “Hochpunkt”-Jahr ist.


Setzt man nun das Jahr 1999 mit 100% fest, ergibt sich folgendes Bild:

- Welpen Rassehunde 1999: 100%
- Welpen Rassehunde im darauffolgenden 9-Jahres-Zeitraum im Durchschnitt pro Jahr: 89,5%

- Welpen Beardie 1999: 100%
- Welpen Beardie im darauffolgenden 9-Jahres-Zeitraum im Durchschnitt pro Jahr: 96%

Würde man rein diese Zahlen verwenden, könnte man sich also beruhigt zurücklehnen…

Ein Trend ist – egal wie man die Zahlen aggregiert – jedenfalls abzulesen: Die Anzahl der Beardie-Welpen ist in den letzten zehn Jahren im Verhältnis geringfügig höher zurückgegangen als die Anzahl der Rassehund-Welpen insgesamt – schätzungsweise wird sich die Welpenanzahl der Beardies pro Jahr nach der Tendenz der letzten 10 Jahre auch zukünftig bei Werten zwischen 700 und 800 festsetzen.

Da man sich auf der oben genannten Seite so sehr über den Beardie-Welpen-Knick von 2006 und 2008 freut: 2006 war mit 86.847 Welpen aller Hunderassen auch für den VDH insgesamt ein absoluter Tiefpunkt erreicht… 2002 hat man auf der genannten Seite in der Betrachtung übrigens komplett weggelassen, denn auch da gab es einen Bearded-Welpen-Tiefpunkt, allerdings haben die Zahlen für 2003-2005 mit ihrem “nicht erklärbaren Anstieg der Beardie-Welpen” gegenüber 2002 wohl interpretationstechnisch nicht richtig zur bereits fokussierten Antwort (=mangelnde Nachfrage nach “degeneriertem Mode-Beardie”) gepasst.


Gründe für den Rückgang:

Zum 1. Juni 1998 gingen mit der Neufassung des Tierschutzgesetzes wesentliche Änderungen der Zuchtordnung einher. Da es etwa 1-2 Jahre gedauert hat, bis die neuen Regelungen (Sachkundenachweise, regelmäßige “Auffrischungskurse”) in den einzelnen Zuchtverbänden gegriffen haben, ist das Jahr 1999 ein sehr guter Bezugspunkt, da hier größtenteils noch nach dem Stand VOR Neufassung des Tierschutzgesetzes gezüchtet wurde. So ist es auch zu erklären, dass die Anzahl aller Rassehund-Welpen einen Rückgang über 10% von 1999 zu 2000 verzeichnen mussten. Kurioserweise gab es bei den Bearded Collies aber gerade im Jahr 2000 einen leichten Anstieg gegenüber 1999, der 2001 nochmals deutlich höher ausfiel. Ein wesentlicher Grund für den Welpen-Rückgang insgesamt liegt also im Tierschutzgesetz selbst. Die Zucht lebt vom Wechsel: Alt-Züchter hören auf, Neu-Züchter kommen hinzu. Durch die gestiegenen Anforderungen mit Sachkundenachweisen und regelmäßigen Auffrischungskursen gemäß Tierschutzgesetz wurden die “Zuchtbarrieren” erhöht. Sprich: In den letzten Jahren haben einige “Alt-Züchter” aufgehört, die nicht in gleichem Umfang von “Neu-Züchtern” (die die zeitaufwändigen “neuen Barrieren” erst überwinden müssen) ersetzt wurden. Eine allgemeine Tendenz, die sich bei allen Rassehunden (mit Ausnahme der zeitgeistig dominierenden zeitweiligen “Modehunden” im Sinne von “derzeit sehr beliebte Hunde”) so ähnlich abspielt. Eine wichtige Entwicklung wurde begrüßenswerterweise zusätzlich begünstigt: die Zeit großer, zumindest quantitätsmäßig dominierender Zuchstätten ist seit der Änderung des Tierschutzgesetzes mit seinen Anforderungen und Begrenzungen endgültig vorbei, diese überwogen in den 80er Jahren noch, als der Bearded Collie groß in Mode war, bis in die 90er Jahre. Kleinere Züchter mit weniger Würfen sind an deren Stelle getreten und sorgen für größere Vielfalt. Eine Entwicklung, die (zumindest in Bezug auf Bearded Collies) in Großbritannien noch wesentlich stärker ins Auge springt. Die zeitweilige “Mode” spielt eine große Rolle: in den 80ern waren Bobtail (nicht zuletzt auch wegen Bobtail “Wuschel” im Kinder-Ferienprogramm) und der “kleinere Bruder” Bearded Collie sehr beliebt, nachdem das “Lassie-Fieber” (Collie) der 60er und vor allem 70er Jahre abgeklungen war. Seit etwa Mitte der 90er sind die “pflegeleichteren” Golden Retriever (”Ein Fall für Zwei”- Umba) und Labrador (”Lycos-Effekt”) die alles dominierenden Familienhunde. Eine Studie wäre die Interdependenz Fernsehhund < --> Familienhund (Wer ist die Henne, wer das Ei?) jedenfalls durchaus mal wert.

Eines bleibt jedenfalls festzuhalten: die Anzahl der Bearded Collie Welpen hat in den letzten 10 Jahren einen relativ stabilen Wert fernab einer zeitweiligen “Modehund”-Beeinflussung erreicht, ein Zustand, den man auch Labrador, Golden Retriever und Border Collie gönnen sollte.

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